Ein grosser Vorteil der dualen Berufsbildungssysteme gegenüber anderen Modellen ist die unmittelbare Mitarbeit der Wirtschaft. Damit verbunden ist aber auch das Risiko, dass Unternehmen in Krisen u.U. damit reagieren, weniger Ausbildungsplätze anzubieten. Gerade in den Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit, in denen das Engagement der Betriebe oft neu und noch im Aufbau ist, stellt sich die Frage, wie deren Ausbildungsbereitschaft trotz der aktuellen Krise sichergestellt werden kann. Auch wenn sich die Situation in den dualen Ländern in vielerlei Hinsicht von derjenigen in den Partnerländern unterscheidet, so können diese trotzdem als Inspiration dienen – auch in der aktuellen Krise.

Im Folgenden finden Sie eine Übersicht der Massnahmen in den DC dVET-Mitgliedsländern, um die Folgen der Krise auf die Berufsbildung abzumildern:

In Deutschland sind sich die Sozialpartner einig, dass die Unternehmen die Krise nur mit einer ausreichenden Menge an Fachkräften bewältigen können. Aus diesem Grund verabschiedete die Allianz für Aus- und Weiterbildung Ende Mai ein grosses Massnahmenpaket zur Stabilisierung des Ausbildungsmarktes. Ein wichtiges kurzfristiges Element ist die Einführung einer Prämie für Betriebe, welche Auszubildende übernehmen, die in anderen Unternehmen aufgrund der Corona-Krise entlassen wurden. Damit soll sichergestellt werden, dass Jugendliche ihre Ausbildung beenden können. Neben Investitionen der Bundesregierung in die digitale Infrastruktur im Bildungssystem, die auch den Berufsschulen zugutekommt, bauen die Bundesagentur für Arbeit, aber auch die Kammern und Verbände ihre (digitalen) Beratungsdienstleistungen aus (z.B. virtuelle Speed Datings, Lehrstellenbörsen). Zusätzlich sollen die Möglichkeiten der Verbund- und Auftragsausbildung für Betriebe attraktiver gemacht und verstärkt genutzt werden. Weitere Informationen dazu finden Sie hier. Anfang August wurde das Massnahmenpaket der Allianz für Aus- und Weiterbildung ausgeweitet. Dieses konzentriert sich nun insbesondere auf kleine und mittlere Unternehmen (bis 249 Mitarbeiter). Neu erhalten diese Betriebe u.a. eine Prämie für jeden neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag, sowie die vollständige Fortsetzung der Ausbildungen trotz Kurzarbeit im Betrieb. Weitere Informationen finden Sie hier.

In Liechtenstein hat man bereits vor der Corona-Krise verschiedene Massnahmen eingeführt, die sich nun bewähren. Dazu gehören Lehrbetriebsverbünde, Coaching von Ausbildungsbetrieben und eine ausführliche Unterstützung der Jugendlichen im Hinblick auf ihre Berufswahl. Zuständig dafür ist u.a. die Initiative 100pro! Berufsbildung Liechtenstein der Wirtschaftskammer Liechtenstein. Im vergangenen Dezember hat das Amt für Berufsbildung zudem ein Online-Portal für Ausbildungsbetriebe lanciert, um die Betriebe bei Prozessen rund um die Ausbildung zu entlasten. Auch bei der Umstellung auf Fernunterricht konnte man in Liechtenstein von bereits vorhandenen Erfahrungen profitieren, da seit fünf Jahren Pilotklassen geführt werden, in denen digital unterrichtet wird. Trotz anderweitiger Befürchtungen zu Beginn der Krise, erwartet man mittlerweile keine starken Auswirkungen auf den Lehrstellenmarkt mehr. Dies ist neben den Massnahmen vermutlich auch auf die Grösse des Landes (30.000 Einwohner), die dementsprechend geringe Gesamtzahl an Auszubildenden (ca. 150 pro Jahr) und die gute Vernetzung zwischen den Akteuren mit oft individueller Begleitung zurückzuführen. Weitere Informationen und aktuelle Entwicklungen finden Sie hier.

Auch Österreich hat Massnahmen zur Unterstützung der dualen Lehrlingsausbildung während der Pandemie eingeführt. Anfang Juni hat die Bundesregierung einen Lehrlingsbonus aufgesetzt, der Betrieben zugutekommt, die während der Krise neue Lehrlinge einstellen (aktuell bis Oktober 2020). Wie in Deutschland wurden die Massnahmen inzwischen nochmals erweitert; der Lehrlingsbonus wurde erhöht und man unterstützt Klein- und Kleinstbetriebe besonders stark. Unterstützung erhalten Ausbildungsbetriebe zudem von der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Ausführlichere Informationen zu den Massnahmen in Österreich finden Sie hier.

In der Schweiz wurde eine Task Force «Perspektive Berufslehre 2020» ins Leben gerufen und ein Förderschwerpunkt «Lehrstellen COVID-19» eingerichtet. Dadurch können Unterstützungsmassnahmen unbürokratisch bewilligt werden – mit dem Ziel, dass möglichst viele Jugendliche trotz der Corona-Krise eine Lehrstelle finden. Konkrete Massnahmen umfassen u.a. die Verstärkung der Beratungsangebote für Jugendliche, Last-minute-Lehrstellenbörsen, eine flexiblere Handhabung des Ausbildungsbeginns (i.d.R. August), die Förderung gemeinsamer Lösungen zwischen Lehrbetrieben oder finanzielle Unterstützung, um die Auflösung bestehender Lehrverträge zu vermeiden (Kurzarbeit). Zudem wird geprüft, ob eine Änderung in der Organisation der Ausbildungen (schulischer Teil zu Beginn und damit ein späterer Übertritt in den Betrieb), die Kosten für die Betriebe senken und diese somit kurzfristig entlasten könnte. Neben den genannten Massnahmen wird die Entwicklung des Lehrstellenmarkts systematisch beobachtet. Zu diesen und weiteren Aufgaben der Task Force lesen Sie das Interview zur aktuellen Situation mit de Leiter der Task Force.